Bericht  über die deutsch-polnische Studienfahrt des OeC e. V. nach Oberschlesien, 18.-24. September 2019:

„Wer Frieden gewinnen will, muss Freunde gewinnen“ (Karl Dedecius),

Zur Vorbereitung der Studienfahrt hat im Rahmen des 117. Grenzgesprächs Herr Manfred Schütz über seine oberschlesische Heimat unter dem Thema: „Oberschlesien: Steinkohle, Kartoffeln und Zankäpfel.“ gesprochen und mit seinem Lebensbericht eine interessante Diskussion angeregt.

Die Studienfahrt war in Kooperation mit der Stiftung Karl Dedecius Literaturarchiv konsequent zweisprachig vorbereitet und durchgeführt worden. Das Ziel der Reise bestand in der Kenntnisnahme der nachbarschaftlichen Geschichte im 80. Jahr nach dem deutschen Überfall auf Polen und Beginn des II. Weltkriegs. Dabei war der Gedanke von dem Sejmabgeordneten Prof. Dr. Jacek Kurzępa, Kostrzyń, den er während des Grenzgesprächs des OeC am 17. 10. 2018 geäußert hat, nämlich, dass es gut an der Zeit wäre, über die gemeinsame Nachbarschaftsgeschichte im deutsch-polnischen Austausch generationenübergreifend zu erzählen. Diesem wichtigen Impuls sind wir gefolgt und haben die Freund*innen aus Słubice, Gorzów Wlkp., Zielona Góra und Gniezno zu dieser Fahrt eingeladen und darauf gezielt, dass jeweils vor Ort noch interessierte Personen sich anschließen können bzw. wir uns mit dort tätigen Gruppen als Träger der Gemeinde- und Kulturarbeit begegnen. Die Reise war gemeinschaftlich konzipiert als Studien- und Begegnungsfahrt.

Am Mittwoch, dem 18. September sind wir morgens um 7 Uhr mit dem Busunternehmer Gajewski aus Słubice aufgebrochen. Ein erster Halt war an der Friedenskirche in Świdnica, wo uns der lutherische Diözesanbischof Waldemar Pytel und seine Mitarbeiterin, Frau Malgorzata Zak, begrüßten und uns in die Geschichte der Friedenskirche, UNESCO-Kulturerbe, einführten. Dr. Werdin hat danach zum Mittagsgebet übergeleitet. Das Mittagessen war im Restaurant „Rynek 43“ bestellt und die Köche überraschten uns mit der sehr schmackhaften schlesischen Gastlichkeit. Eine nächste Station war im unweit gelegenen Dzierżoniów die Begegnung in der Stiftung „Bejtejnu Chaj“ mit Rafael Blau, der uns die Geschichte und Gegenwart der jüdischen Gemeinde in Dzierzoniów und Niederschlesien nahe brachte. Hier konnten die Teilnehmer auch aktuelle Bücher und Schriften erwerben. Abends erreichten wir das „Hotel Modus“ in Łaziska Górne, das wir als „Standquartier“ gebucht hatten.
Teilnehmer: 14 (dt.), 4 (poln.)
Teilnehmerinnen: 16 (dt.), 12 (poln.)

Am Donnerstag, den 19. September,  haben wir gleich morgens das Museum des Radiosenders „Gleiwitz“ aufgesucht und eine sehr interessante Führung durch das Museum erlebt. Während des Besuchs im ehemaligen Sender wurde uns auch ein Film vorgeführt, der uns aus dortiger Sicht die Geschehnisse um die „Gleiwitzer Provokation“, wie der „Überfall“ in Polen genannt wird, gezeigt. Daran schloss sich ein Stadtspaziergang mit Frau Dorota Bednarska an, die uns sehr kundig und lebendig das gegenwärtige Gliwice vorstellte: mit dem alten Markt und dem geschichtsträchtigen Stadtkern, sowie der Stadt- und Hauptkirche. Zum Abend fuhren wir nach Piekary Śląskie zur Begegnung mit dem Zwiazek Górnosląski, dem Oberschlesischen verband, einem Verein, der sich der oberschlesischen Geschichte und Gegenwart, Kultur und Sprache verpflichtet weiß. Dieser Abend herzlicher Gastfreundschaft wird allen Teilnehmer*innen lange im Gedächtnis bleiben. Wir wurden sehr herzlich mit der Kultur der Oberschlesier vertraut gemacht und schließlich selbst aufgefordert, dass auch wir uns vorstellen. So kam es zu einem sehr lebendigen Austausch zwischen allen Anwesenden, schließlich haben wir gemeinsam gesungen und eine Bläsergruppe hat uns musikalisch begeistert. Am Ende der Begegnung wurde die Einladung zur Teilnahme des Oberschlesischen Verbandes an dem OeC-Jubiläum in Frankfurt (Oder) am 15. Oktober. Und die Einladung wurde angenommen und realisiert!
Teilnehmerinnen:21 (dt.), 20 (poln.)
Teilnehmer: 15 (dt.), 9 (poln.)

Am Freitag, den 20. September hatten wir gleich am Vormittag einen weiteren richtigen Höhepunkt unserer Reise, nämlich die Begegnung mit Frau Prof. Dr. Szewczyk und Herrn Prof. Dr. Kaczmarek in der Schlesischen Bibliothek. Frau Prof. Szewcyk führte uns in die Feinheiten der Geschichte Oberschlesiens ein und illustrierte sie mit verschiedenen Beispielen aus der reichhaltigen Literatur. Prof. Kaczmarek unterrichtete uns über ein wenig bekanntes Thema, nämlich die „Polen in der Deutschen Wehrmacht“, eine Geschichte, die er als Erster begonnen hat aufzuarbeiten. Auch der Direktor Prof. Dr. Kadłubek begrüßte uns herzlich.
Teilnehmerinnen: 22 (dt.), 11 (poln.)
Teilnehmer: 21 (dt.), 4 (poln.)
Nachmittags waren wir mit dem lutherischen Diözesanbischof Dr. Niemiec in der Ev.-Lutherischen Auferstehungskirche, zu deren Geschichte und Gegenwart Dr. Niemiec uns sehr interessante Ausführungen machte. Ein Reiseteilnehmer stellte sich als ein entfernter Verwandter des damaligen Mit- und Neubegründers der Stadt Katowice, Friedrich Wilhelm Grundmann, vor.
Teilnehmer: 16 (dt.), 4 (poln.)
Teilnehmerinnen: 20 (dt.), 10 (poln.)

Am Sonnabend, den 21. September, ging es in das Grubenmuseum, „Schacht Guido“ zu einer ökumenischen Andacht unter Tage mit ks. dr Stanisław Puchała. Danach wurde das Grubenmuseum in zwei Gruppen mit fachlicher Führung besichtigt.
Teilnehmer: 18 (dt.), 6 (poln.)
Teilnehmerinnen: 20 (dt.), 12 (poln.)
Am Nachmittag haben wir das Muzeum Śląska besucht, und uns dazu in zwei Gruppen aufgeteilt, um besser den fachlichen Vorträgen zu folgen, die aus der Gruppe heraus gedolmetscht wurden. Daran schloss sich ein Stadtrundgang mit Frau Prof. Dr. Chojecka an. Alle Teilnehmer*innen waren sehr beeindruckt von der Modernität und Weltoffenheit der Stadt Katowice. Wir haben auch kurz in die erst vor kurzem eröffnete Philharmonie hineingeschaut, um wenigstens baulich einen Eindruck zu gewinnen. Leider war zu dem Zeitpunkt unserer Reise kein Konzert im Programm, das wir gerne besucht hätten. Zum Abendessen im Restaurant „Pan des Rossa“ schloss sich Frau Prof. Szewczyk an, mit der sehr interessante Gespräche geführt wurden.
Teilnehmerinnen: 20 (dt.), 12 (poln.)
Teilnehmer: 18 (dt.), 6 (poln.)

Am Sonntag, den 22. September, haben wir uns dem ev.-lutherischen Gottesdienst in Mikołów angeschlossen und wurden dort sehr herzlich begrüßt. Pfr. Werdin wurde spontan eingeladen, den Gottesdienst liturgisch mit zu leiten. Im Anschluss an den Gottesdienst wurden wir durch Frau Sznober und weitere Gemeindeglieder über den Friedhof der Gemeinde geführt, der viele historische und durch die ortsansässigen Heimathistoriker gut erforschte Familiengrabstätten aufweist. Pfr. Werdin pflanzte auf dem Grab seines Ururgroßvaters Emil Braun, des ersten Lehrers und Organisten der in den 1850er Jahren samt Schule und Pfarrhaus neu gebauten Kirche, eine Rose. Dann fuhren wir zu Schlossbesichtigung und Mittagessen nach Pszczyna.
Teilnehmer: 19 (dt.), 5 (poln.)
Teilnehmerinnen: 20 (dt.), 12 (poln.)
Danach erkundeten wir die Stadt Tychy mit der Brauerei, die uns viele interessante historische Details, die um das Tichauer Bier (heute: „Tyskie“) ranken, offenbarte, wie z. B.: dass zur Einweihung des Eiffelturms in Paris 1889  Tichauer Bier ausgeschenkt wurde!
Teilnehmer: 20 (dt.), 5 (poln.)
Teilnehmerinnen: 19 (dt.), 12 (poln.)

Am Montag, den 23. September, haben wir uns dem Stadtrundgang durch Bytom mit Frau Karolina Herman angeschlossen. Sie zeigte uns den Marktplatz, die Hauptkirche, bedeutende und wichtige Gebäude und verwies auf ihre Geschichte, wie z. B. die Opera Śląska, die wir auch innen, vor und hinter der Bühne besichtigten. Ebenso zeigte sie uns den Wallfahrtsort Piekary Śląskie, die Wallfahrtskirche mit ihrer Geschichte und aktuellen Bedeutung.
Teilnehmerinnen: 20 (dt.), 7 (poln.)
Teilnehmer: 15 (dt.), 4 (poln.)
Der Nachmittag war für individuelle Erkundungen offen. Nach dem gemeinschaftlichen Abendessen im Hotelrestaurant haben wir einen geselligen Abend im großen Gastraum der Hotels verbracht, gemeinsam erzählt und gesungen und die Zertifikate für die Teilnehmer*innen der Reise ausgehändigt, und zwar mit dem Originalrezept für „Schlesische Rouladen“! Denn dieses festlichste aller schlesischen Gerichte war tatsächlich unser täglicher Begleiter! Gero Lietz und Justus Werdin begleiteten  mit ihren Gitarren die nicht enden wollenden Gesänge.
Teilnehmerinnen: 20 (dt.), 7 (poln.)
Teilnehmer: 14 (dt.), 4 (poln.)

Am nächsten Morgen, Dienstag, dem 24. September, wurde zum „Aufbruch geblasen“, nachdem die Hotelrechnung auf etwas ungewohnt und wegen der Höhenbegrenzung auf dem elektronischen  Zahlweg fast abenteuerliche Weise beglichen werden konnte. Ein erster Halt war dann am Annaberg mit Besichtigung bei sehr interessanter fachlicher Führung der Wallfahrtskirche und des noch aus nazistischer Zeit stammenden Oberschlesien-Denkmals unterhalb des Annaberges. Danach fuhren wir weiter nach Kamień Śląski, wo wir zm Mittagessen im Sebastianeum Silesiacum, einer charitativ-kirchlichen Kureinrichtung, zu: Schlesischer Roulade! angemeldet waren, dem sich auch Erzbischof em. Alfons Nossol anschloss und uns sein wunderbares Lebenszeugnis über sein Engagement für deutsch-polnische  Verständigungs- und Versöhnungsarbeit in ganz oberschlesischer Manier gab. Danach brachen wir auf und fuhren nach Frankfurt (Oder) und waren pünktlich gegen 20 Uhr zu Hause.
Teilnehmer: 16 (dt.), 1 (poln.)
Teilnehmerinnen: 21 (dt.), 4 (poln.)
Als Nachbereitung der Studienfahrt gab es als 121. Grenzgespräch eine Autorenlesung mit Matthias Kneip, der sein Buch „111 Gründe Polen zu lieben“ im Beisein von Frau Prof. Sobótka, Generalkonsulin a. D., vorstellte. Dieser Abend rundete die interessante Studien- und Begegnungsreise nach Oberschlesien in einer kenntnisreich und amüsant dargestellten literarischen Zusammenschau ab.

 

 

gefördert durch den Kleinprojektefonds (KPF) in der Euroregion PRO EUROPA VIADRINA für das Kooperationsprogramm INTERREG Va Brandenburg - Polen 2014 – 2020 im Rahmen der Europäischen Territorialen Zusammenarbeit

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