Wenn wir auf die Situation in der Welt, in Europa und in unserem Land blicken, sehen wir, wie sehr der Friede gefährdet ist. Auch an der Geschichte dieser Kirche, der ältesten Kirche in Frankfurt, werden die Spuren von Krieg und Frieden deutlich. Im Jahr 1226 wurde die Kirche in der um 1200 errichteten Kaufmannssiedlung nahe des Oderüberganges gebaut, der späteren Unterstadt. Sie wurde dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Schiffer und Kaufleute, gewidmet. Nach der Reformation versammelte sich die Nikolaigemeinde dann in der danebenliegenden Kirche des ehemaligen Franziskaner-Klosters. Die Nikolaikirche wurde dann nicht mehr gebraucht und 1551 an die Stadt verschenkt. Die Folge war, dass sie in ein Kornhaus umgebaut wurde und später im Dreißigjährigen Krieg Gefangene und Kranke beherbergte, wie es heißt „in der wüsten Kirche“, denn u.a. hatte ein Blitzschlag den Südturm getroffen und der Kirche Schäden zugefügt. Und sie wurde in diesem schrecklichen Krieg als Pulvermagazin genutzt. 1656 wurde sie auf Weisung des Kurfürsten gegen den Willen der Stadtväter der reformierten Gemeinde übergeben. Sie wurde wieder instand gesetzt und in „Reformierte Kirche“ umbenannt. 1735 wurde an der Westfront der Kirche für die Hugenotten, die reformierten Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, ein extra Betsaal, ein Tempel mit barockem Turm angebaut. So beteten die deutsch-reformierte Gemeinde und die französisch-reformierte Gemeinde in zwei verschiedenen Gebäuden und Sprachen, und es sollte rund 150 Jahre dauern, bis die Gemeinden bereit waren, sich zusammenzuschließen und in der Kirche gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Für die Franzosen galt der Gottesdienst in deutscher Sprach lange Zeit als dekadent. Ein Beispiel, wie schwer es auch Christen fallen kann, in Frieden miteinander zu leben. Fontane beschreibt in seinem Roman „Vor dem Sturm“, wie im Franzosenkrieg, dem Befreiungskrieg gegen die napoleonische Besatzung, die Freikorps sich an dieser Kirche gesammelt hatten und dann an die Oder zogen, um zu kämpfen – mit Opfern, aber ohne Sieg, wie er beschreibt. Es gehört zu der erfreulichen Wahrheit, dass sich nach dem Ersten Weltkrieg in dieser Kirche eine der 15 unierten Kirchengemeinden in Brandenburg gebildet hatte, die auch juristisch als uniert eingetragen waren. Die meisten anderen Gemeinden waren lutherische Gemeinden in einer unierten Landeskirche, zu denen sich vereinzelt reformierte Gemeindeglieder hinzugesellten. Hier entstand eine Kirchengemeinde aus lutherischen und reformierten Christen. Die Einigung auf einen Namen für diese Gemeinde zog sich dann mehrere Jahre hin, bis man sich 1929 auf den Namen „Friedenskirchengemeinde“ einigte. Der Name der Gemeinde ging dann auch auf die Kirche über. Seitdem wird sie Friedenskirche genannt. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde sie nur leicht zerstört und kam in das nationale kirchliche Wiederaufbauprogramm. Da viele Mitglieder der Kirchengemeinde aus der einstigen Dammvorstadt kamen und nun wegfielen und die Bewohner der Neubauten um die Friedenskirche herum meist unkirchlich waren, gab die Georgengemeinde, der die Kirche nach dem Krieg zugeordnet wurde, nach 15 Jahren bemühter Nutzung die Kirche wieder ab. 1974, anlässlich des Evangelischen Kirchentages, wurde vorerst der letzte Gottesdienst in der Friedenskirche gefeiert. Da sie nicht mehr genutzt wurde, konnte Vandalismus um sich greifen, und der Innenraum wurde geschändet. 1984 wurde die Kirche auf 99 Jahre an die Stadt verpachtet. Der Name „Friedenskirche“ bekam dann erst 1994 wieder seine Bedeutung, als die Kirche Sitz des Oekumenischen Europa-Centrums Frankfurt (Oder) und mit ihrem Namen auch Programm des Vereins wurde.

„Suche Frieden und jage ihm nach“ – dieses Bibelwort ist darum auch das Motto für die Jubiläumsveranstaltung zum 25-jährigen Bestehen des Vereins am 15. Oktober um 15.30 Uhr hier in der Friedenskirche. Am letzten Sonntag, dem 1. September, konnten wir in der Kirche einen Fernsehgottesdienst feiern, in dem an den Beginn des 2. Weltkrieges mit dem Überfall auf unser Nachbarland Polen vor 80 Jahren gedacht wurde. Eine Botschaft des Friedens wurde von diesem Ort ausgesandt. Viele Menschen haben das so verstanden, wie es die Anrufe widerspiegelten, aber es kamen auch Hassanrufe, die die Versöhnung ablehnten und auch die Hilfe für Flüchtlinge als schädlich für unsere „Volksgemeinschaft“ ansahen. Was für eine Saat des Unfriedens wird damit wieder ausgesät! Wie gefährlich ist es zu vergessen oder auszublenden, welch unendliches Leid Deutschland in seinem nationalen Wahn über Polen und ganz Europa und darüber hinaus gebracht hat und wie dieses Leid wie ein Bumerang auf uns zurückschlug. Es brauchte Zeit und großes Bemühen auf beiden Seiten, wieder Vertrauen wachsen zu lassen, um ein gutes und friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Es ist schon ein Wunder und alles andere als selbstverständlich, dass wir heute wieder von einer guten Nachbarschaft sprechen können. Sie ist aber immer wieder gefährdet, die Verletzungen gehen tief und werden über Generationen weitergegeben. Das konnte ich am Montag auf der Gedenkfeier der Słubicer Kommune „80 Jahre deutscher Überfall auf Polen“ am Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers in Świecko erleben. Ich habe es als ein großes Geschenk der Versöhnung erlebt, dass unser Oberbürgermeister mit der Stadtspitze eingeladen war und sprechen konnte und auch ich als evangelischer Geistlicher an einem ökumenischen Gebet teilnehmen und sprechen durfte, bei dem auch ein Jude das Kaddisch betete. „Suche Frieden und jage ihm nach“: Das Wort Frieden gehört zu den meistgebrauchten Wörtern der Bibel. Frieden und Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind ihre großen Themen. Im 1. Petrusbrief zitiert der Schreiber das Psalmwort mit den Worten: „Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.“ Wie zeitlos sind diese Worte, und wie wichtig ist es, sie immer wieder zugesprochen zu bekommen. Es geht nicht um eine lästige Pflicht, sondern um ein gutes Leben und um schöne Tage. Es geht um den Shalom, der mehr ist als Waffenstillstand oder ein Nebeneinanderherleben. Shalom bedeutet gelungenes Leben in seiner Fülle in Frieden und Gerechtigkeit und Freude. Darum lohnt es sich, ihm nachzujagen und sich dem Frieden Gottes hinzugeben, der höher ist als alle Vernunft. Daran erinnert seit 90 Jahren auch diese Kirche mit ihrem programmatischen Namen. Seit Jahren wird hier auch das Friedenslicht von Bethlehem, das wir aus den Händen polnischer Pfadfinder empfangen, weitergegeben. Mögen noch viele solcher Friedensbotschaften von der Friedenskirche ausgehen. Gott gebe es. Amen.

Christoph Bruckhoff